Blog vom 15. August 2008
Haben die letzten sieben Tage wirklich stattgefunden?
Ich sitze in einem Hotelzimmer in Deutschland mitten in meiner Sommer-Tour und BBC World News erzählt mir, dass mein Heimatland in Stücke gerrissen wurde.
Während dieser Woche war ich nicht in der Lage, aufzuhören, die News zu schauen. Ich habe mein Land noch nie so gesehen, ich habe mich noch nie so nackt, isoliert und wütend gefühlt. Wenn es irgendwo Krieg gibt, ist es doch immer in einem entfernten Land und dann kommt das Wetter und der Sport. Ich habe fast den Fernseher mit der Fernbedienung eingeschlagen, als sie zum Sport geschaltet haben. Während die Unruhen in Georgien weitergingen, konnte ich nicht glauben, dass die Welt um mich herum normal funktioniert oder dass ich normal funktioniere. Besonders die letzten beiden Gigs fühlten sich sehr seltsam an. Das liegt jetzt hinter mir, dennoch war ich nie dankbarer und glücklicher auf der Bühne zu sein und nirgendwo sonst.
Der furchterregendste Tag war der letzte Montag, als ich niemanden erreichen konnte, einschließlich meine Mutter und meinen Bruder, die dort gerade Urlaub machen. Als ich letzten Freitag mit Mum gesprochen hab", sagte sie, dass alles ok sei und dass es auf den Straßen am Meer, wo sie sich befanden, relativ normal zugehen würde. Aber dann funktionierte mein Telefon nicht mehr und ich hörte all die Dinge in den Nachrichten, ich war wie versteinert vor Entsetzen wegen der Unruhen, die sich in Georgien weiter ausbreiteten in Richtung Tbilisi, wo meine Großeltern wohnen. Am Dienstag hab" ich sie dann endlich alle erreicht und sie sagten, dass es keine Kämpfe oder Gewalt gab in der Hauptstadt oder irgendwo außerhalb von Gori.
Es gibt Berichte, dass die Russen, die sich immer noch in Gori aufhalten, aufgehört haben zu kämpfen, aber man muss die Menschen eines Landes oder ihre Soldaten nicht töten, um es lahmzulegen. Ihr müsst wissen, Gori ist genau in der Mitte der einzigen Straße, die sich von Westen nach Osten durch ganz Georgien zieht. Die Straße müssen mein Bruder und meine Mutter nehmen, um den Flug zu bekommen, der sie raus aus Tbilisi bringt. Genau die Straße, auf der ich jedes Jahr von der Hauptstadt ans Meer gefahren bin. Das ist jedesmal ein großartiger Ausflug, sechs Stunden atemberaubende Landstriche, eine Landschaft, von wüstenartigen Bergen über dunkle Wälder, wunderschöne Flüsse, dann ein Berg, über den du fahren musst wo normalerweise ein Bus vor dir fährt, der sich langsam um die gefährlichen Kurven des steilen Berges quält. Für mich ist somit der Gedanke, dass diese Straße momentan eine Gefahr und Bedrohung darstellt, unbegreiflich.
Meine Mutter und mein Bruder haben zweimal versucht, zurück in die Hauptstadt zu kommen, aber jedesmal wurden sie von der georgischen Polizei zurückgehalten, da es zu gefährlich sei. Es gibt Berichte von Menschen, die einen anderen Weg genommen haben, um nach Gori zu kommen, deren Autos und Wertsachen wurden gestohlen. Außerdem hab" ich von einem 25jährigen Mädchen gehört, das vermisst wird. Sie war mit einer Gruppe unterwegs auf dieser Straße in der Nähe von Gori, wo man ihnen auflauerte. Sie wurde entführt und seitdem nicht mehr gesehen.
Das Frustrierendste in den letzten Tagen war, irgendwie ein klares Bild dieses Konflikts zu bekommen. Gestern war laut meiner Familie Gori immer noch besetzt, während ich in den Nachrichten sah, dass die Russen sich zurückziehen. Vielleicht dauert es noch ein paar Tage? Vielleicht zünden sie noch ein paar Bomben bevor sie gehen? Wer weiß. Ich möchte nur, dass mein Land seine Stabilität wiederbekommt.
Georgien hatte immer eine unsichere Politik, besonders nach dem Fall der Sowietunion und dem Bürgerkrieg, der in den 90ern kam. Aber in letzter Zeit schien es besser zu werden, die Wirtschaft erholte sich, die größeren Städte begannen sauberer zu werden, Elektrizitätsausfälle, wie ich sie noch erlebt hab" als ich dort wohnte, gab es fast gar nicht mehr. Aber nach letzter Woche scheint alles wieder ungewiss.
Von den verschiedenen Presseagenturen mit denen wir arbeiten habe ich gehört, dass sie viele Anfragen für Interviews bekamen, bei denen ich über das Ganze reden sollte. Was soll ich denn da sagen? Es fühlt sich nicht richtig an, wenn ich das auf die gleiche Ebene hebe, wie wenn ich mit Journalisten über meine Musik rede mit den ganzen Lichtern und Make Up und dem ganzen lächerlichen Showbiz Kram. Ich möchte nicht das Gesicht sein, dass dem durchschnittlichen Briten den Konflikt persönlich näher bringt, nur weil sie irgendeine Sängerin kennen, die dorther kommt und irgendwas über Fahrräder singt. Das ist lächerlich! Konflikt ist Konflikt! Es ist nun einmal so, dass dieser Konflikt gerade in meinem Heimatland stattfindet und wo sich gerade ziemlich viele meiner Familie aufhalten.
Vor zehn Tagen noch fühlte ich mich sicher, glücklich und habe mich auf den Sommerurlaub in Georgien gefreut. Jetzt weiß ich nicht mehr was ich fühlen soll. Alles was ich weiß ist, wenn sich Georgien nach dem Konflikt der jüngsten Geschichte mal erholt hat, dann werde ich das Gefühl von Sicherheit nie wieder für selbstverständlich nehmen und das sollten auch die Millionen Menschen tun, die in Ländern leben, wo Frieden herrscht.
Katie x
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